Am Anfang stand die Blume, schon des Berufes wegen

Weilimdorf. Kunst auf dem zweiten Bildungsweg: Sigrid Hirschmann stellt im Bezirksrathaus aus.

Sie hat lange als Floristin gearbeitet, und das zeigt sich auch in ihren Bildmotiven: Die älteren Arbeiten von Sigrid Hirschmann erzählen von der Kirschernte, zeigen Rosen, Amaryllis, Freesien, Mohnblüten und all die anderen Schönheiten. Doch dann begann eine künstlerische Reise, von der sich seit Donnerstag Besucher im Weilimdorfer Rathaus ein Bild machen können: Am Anfang stand die Blume, in jeder Beziehung, doch inzwischen dreht sich alles um die menschliche Figur. Denn der Mensch fasziniert Sigrid Hirschmann: "Lauter gute Figuren" heißen beispielsweise zwei Exponate, in denen sie Figurenstudien gesammelt hat - auf dem einen wird gelesen, geraucht und es werden Tiere bestaunt. Auf dem anderen dreht sich alles um den Sport: Polo, Ballett, Handball. Richtig Gedränge herrscht auch in den beiden Collagen "Zeichnen ist vollkommene Transformation" und "Zeichnen ist totale Transformation". In ihnen hat sie die Schriftzüge der Bildtitel mit Figuren bevölkert und durch allerlei Attribute ergänzt: Venezianische Gondeln finden sich da, ein Engel und vieles mehr. Es lohnt sich also, ganz genau hinzusehen: Für das eine Blatt hat Sigrid Hirschmann Zeichnungen aus ihren Skizzenbüchern collagiert, für das andere Kopien mit Lösungsmittel übertragen und weiterbearbeitet - auch das eine Transformation. Die neueste Arbeit ist übrigens das großformatige Acrylgemälde an exponierter Stelle in der Schau: "Gartenschau" zeigt Menschen beim Schlendern durch eine Parkanlage.

Die neue Ausstellung im Weilimdorfer Bezirksrathaus macht einerseits eine kreative Entwicklung deutlich, sie belegt aber auch, dass man sich seine Träume durchaus erfüllen kann. Denn während viele Menschen ihre künstlerischen Neigungen irgendwann zugunsten von Familie und Beruf aufgeben, hat Sigrid Hirschmann daran festgehalten. "Schon als Floristin hatte ich auch Gelegenheit zur Gestaltung", erzählt sie. Doch dann kamen die Kinder, und jede weitere künstlerische Betätigung fand ausschließlich in den Ferien statt, auf Reisen und in Kursen. "Da habe ich gezeichnet und gemalt und Linolschnitte gemacht." Sogar eine eigene Druckerpresse hat sie von ihrer Familie bekommen und bedankt sich seither jährlich mit selbst gedruckten Weihnachtskarten.

Trotzdem, Sigrid Hirschmann wollte mehr und jetzt, "nach dem Beruf", wie sie sagt, hat sie den Schritt gewagt: Drei Jahre lang lässt sie sich an der Freien Kunstschule Nürtingen die künstlerischen Techniken vermitteln - "zum Glück nehmen die auch Menschen fortgeschrittenen Alters", sagt sie. Im Februar macht sie ihren Abschluss und ist bis dahin voll verplant. Ob sie denn mal wieder zum Aktzeichnen kommt, wird sie bei der Vernissage gefragt. "Voller Terminkalender", antwortet sie: Erst muss die Abschlussarbeit fertig werden. Ist es da nicht schwierig, gleichzeitig auch noch eine Ausstellung zu beschicken? "Ach, ich habe Unmengen von Bildern zu Hause", sagt sie und winkt ab. An Material hat es also nicht gemangelt. "Und den Titel ,Blumen, Gärten, Menschen" habe ich absichtlich weiter gefasst, weil die Arbeiten natürlich zu ganz unterschiedlichen Themen sind." Und weil er außerdem das Erfüllen eines Traumes beschreibt.
Von Susanne Müller-Baji für "Nord-Rundschau"